Was tot schien meinen verdunkelten Augen
Was reglos verharrte in klirrendem Licht
Was stumm blieb vor meinem Fürchten und Hoffen
Tritt hundertfach aus sich heraus
Verletzliche Antwort
Der Stein vor dem Grabe blüht
(Christa Peikert-Flaspöhler)
Verletzliche Antwort
In diesen Tagen, in welchen ich den vorliegenden Text schreibe, ist es Mitte Februar. Die ersten Schneeglöckchen blühen längst, und die Krokusse wagen sich auch schon ans Tageslicht, trotz des Schnees, der immer mal wieder fällt. Der Frühling kündigt sich an mit leuchtenden Farben, längeren Tagen und vorwitzigen Blumen. Es wird Frühling werden, das steht ausser Frage, und wenn Sie diesen Text lesen, wird längst Frühling sein.
Und doch: die Frühlingsblumen, die ersten blühenden Zweige habe etwas sehr Fragiles und Zartes an sich. Sie tun uns manchmal fast leid, wenn wieder mal ein Schneeregen alles niederdrückt oder die kalte Bise Frosttemperaturen bewirkt. Wenn aber dann die Sonne wieder scheint, richten sich die zarten Blüten und Blumen neu und leuchten, als sei nichts geschehen, Zeichen des Frühlings, Zeichen des Lebens. Was so verletzlich scheint, was so gefährdet wirkt, setzt sich durch, sanft, unmerklich fast, aber unaufhaltsam.
Dieses Naturgeschehen können wir jeden Frühling beobachten, und es kann uns zum Sinnbild werden für die Lebenskräfte, für die Auferstehungskraft auch.
Es ist offensichtlich: Die zerstörerischen Kräfte dieser Welt, Krieg treibende Machthaber aller Art, Tod bringende Strukturen und Ideologien, Angst machende Mechanismen, egoistisches Verhalten… all das scheint dominant und in unserer Welt nicht besiegbar. Wie sollen wir inmitten all der Schreckensszenarien die Hoffnung nicht verlieren, gar Veränderung bewirken?
In solche Situationen, die ja mitnichten neu sind, erzählen die Evangelisten von etwas ganz Anderem. Sie erzählen nicht vom Krieg und Kampf, sondern von einer vagen Hoffnung. Sie wissen davon, dass Menschen mit ihren Träumen und Idealen nicht unterzukriegen sind. Sie wissen davon, dass Menschen trotz ihrer Enttäuschung und Verfolgung plötzlich davon erzählen, dass es weitergeht, dass es Wege gibt, ja, dass sie diesem unverbesserlichen Optimisten, diesem bedingungslos liebenden Menschen, der eben erst hingerichtet wurde, dass sie diesem Jesus von Nazareth wieder begegnet sind, dass sie seinen Traum weiterträumen und seine Ideale weitertragen wollen.
Kaum zu glauben sind solche Erzählungen und extrem unwahrscheinlich. Dass sie Bestand haben, gar etwas bewirken können ist nicht anzunehmen. Wie sollten sie auch? Wunschdenken hat gegenüber harten Fakten noch nie viel verändert.
Doch mit diesen kaum zu glaubenden Auferstehungsgeschichten scheint es zu sein wie mit den Frühlingsblumen. Sie scheinen zwar äusserst verletzlich und ihr Überleben höchst unwahrscheinlich, doch sie sind nicht unterzukriegen. Sei strecken sich immer wieder dem Licht entgegen, sie leuchten, machen Mut und verändern die Welt.
So ist es auch mit der Erzählung von der Liebe Gottes. Sie ist stärker als jeder Hass, jede Wut, stärker als jede todbringende Macht. Die Erzählung von der Liebe Gottes und ihrer unaufhaltsamen Kraft, hat unsere Welt verändert und verändert sie immer noch, häufig still und leise, aber unaufhaltsam. Verletzlich ist sie, wie Jesus von Nazareth auch, aber nicht zerstörbar, unscheinbar ist sie wohl auch und in unserer Zeit nicht sehr gefragt, aber sie blüht immer wieder auf, auch an unerwarteten Orten.
Ich wünsche uns, dass wir dieser lebendigen und alles verwandelnden Kraft begegnen: In unseren Gottesdiensten in Karwoche und über die Ostertage, aber auch weit darüber hinaus, und dass wir uns von ihr inspirieren und verändern lassen, damit es blüht in unserer Welt.
Renate von Ballmoos, Pfarrerin in Oberbalm
