Die langen und warmen Sommerabende laden ein zum Draussen sitzen, im Garten, auf dem Balkon, draussen in der Natur. Und es kann geschehen, dass wir im Laufe des Abends still werden. Das Gespräch mit Freundinnen und Freunden verebbt, die Kinder werden ruhiger, die Kleinen sind im Bett, wir schauen, staunen und es ist, als ob etwas in uns zu lauschen begänne. Wir geben uns unseren Gedanken hin, träumen, hören das Lachen der Nachbarn, den letzten Ruf der Amsel, das Säuseln des Windes.
In solchen Momentenn kann es sein, dass „es uns ruft“, dass wir meinen, nein, sicher sind, dass uns etwas oder jemand angesprochen, gerufen hat. In solchen Momenten sind wir plötzlich ganz präsent und hellwach.
Die Dichterin und Klosterfrau SilJa Walter schreibt auch von solchen Momenten, sie schreibt es so:
«Es ruft über den Fluss… Es ruft herüber nach mir… weiss jemand, wer der Rufer ist?» Für die Dichterin ist der geheimnisvolle Rufer Gott, der ihr Leben immer wieder neu ausrichtet. Wir Menschen sind gerufen. Wir wurden ins Leben gerufen, wir werden alle irgendeinmal wieder hinausgerufen zum Aufbruch und Weitergehen. Und dazwischen vernehmen wir immer mal wieder diesen Ruf, manchmal laut und drängend, manchmal von weither und unbestimmt, und es kommt vor, dass wir auf solches Gerufen werden warten und es herbeisehnen. In biblischen Worten wird uns Menschen versprochen: «Fürchte dich nicht, ich erlöse dich, ich rufe dich bei deinem Namen, du gehörst zu mir.»
Ich wünsche uns, dass wir nicht nur, aber doch auch in diesen lauen Sommerabenden still werden, zur Ruhe kommen und unsere Herzen öffnen und vielleicht die Gegenwart von etwas Grösserem spüren und diesen geheimnisvollen Ruf hören.
Ich wünsche uns, dass wir uns dann nicht fürchten, uns auch nicht gleichgültig abwenden, sondern ihm vertrauen und unserer
Berufung folgen.
RENATE VON BALLMOOS
