Die Novembertage mit ihren Nebelschwaden und fallenden Blättern erinnern uns an die Vergänglichkeit und daran, dass alles seine Zeit hat.
Diese Erkenntnis ist ja nicht neu, und wir wissen das im Frühling und Sommer auch.
Aber eben, es ist nicht dasselbe, ob wir uns an den aufblühenden Blumen freuen und sagen: «jetzt ist die Zeit der Blüte», ob wir uns an den süssen Früchten gütlich tun und sagen: «jetzt ist die Zeit der Ernte», oder ob wir am Grab eines lieben Verstorbenen stehen und sagen: «jetzt ist die Zeit des Loslassens, des Sterbens.»
Im November wird uns die Zeit des Loslassens sehr bewusst. Wir feiern zu Beginn des Novembers Samhain, Allerseelen und Allerheiligen, und am Ende des Monats dann auch den reformierten Ewigkeitssonntag. Wir zünden Kerzen an für diejenigen, die uns vorausgegangen sind, sprechen Gebete, und während der langen dunklen Abendstunden des Novembers machen sich manchmal auch Wehmut, Melancholie, Trauer bemerkbar.
Alles hat seine Zeit, auch sterben, niederreissen und weinen.
Der weise Prediger, Kohelet, der durch die Texte der Bibel zu uns spricht, lässt keinen Zweifel daran, dass es gut ist, dass alles seine Zeit hat.
Eine Welt, in welcher nur gelacht, nur aufgebaut, nur geblüht und gewachsen würde, wäre ein Albtraum und würde in der Katastrophe enden. Wir Menschen brauchen das andere auch: den Rückzug, das nur mit uns selber Sein. Wir brauchen die Einsamkeit genauso wie die Geselligkeit, das sich meiden genauso wie das sich suchen.
Alles hat seine Zeit, das ist die DNA unserer Erde, unseres Lebens. Alles ist vergänglich, nichts bleibt ewig. Und das ist gut so.
Dennoch: Immer, wenn wir Menschen mit dem Abschiednehmen, mit Sterben und unserer eigenen Vergänglichkeit konfrontiert werden, formt sich in uns eine Frage, die sich nur schwer überhören und verdrängen lässt: «Warum? Warum ich? Warum soviel Leid? Warum der Krieg, die Krankheit, die Not?» Wir Menschen möchten verstehen, Zusammenhänge erkennen, doch das gelingt nur sehr selten.
Die Dichterin Maria Grünwald schreibt in einem ihrer Gedichte:
«Frag nicht warum, die Antwort bleibt dir unauffindbar in dieser Welt. Den Aufschrei und das Leid verwebe nur als rotes Garn im Lebensteppich. Am Ende erst wird sich das Muster zeigen, darin kein Faden war zuviel.»
Alles hat seine Zeit, schreibt der Prediger. Kein Faden im Lebensteppich ist zuviel, keiner zuwenig, davon schreibt die Dichterin.
Mir persönlich gefällt das Bild des Lebensteppichs sehr. Die Vorstellung, dass alles, was mit mir oder an mir geschieht, in meinen Lebensteppich eingewoben wird, lässt vieles erträglich werden.
Und die Gewissheit, dass am Ende, dann, wenn ich den Schritt über die Grenze unserer Wirklichkeit hinaus tun werde, dass dann dieser Lebensteppich schön und einmalig sein wird, diese Gewissheit schenkt Versöhnung und Trost.
Nichts wird übersehen, alles wird eingewoben sein in den Teppich des Lebens, und dieser wird schön sein. Jeder Lebensteppich wird schön und einmalig sein vor Gott.
Solches Vertrauen beantwortet unsere Frage nach dem Warum nicht, aber es macht sie erträglich und nimmt ihr die Schärfe.
Im November gehen uns die Fragen um Leben und Sterben näher als zu anderen Zeiten. So wünsche ich uns, dass wir nie vergessen, dass die Lebensfäden, die wir in Novemberzeiten einweben, die Muster der sommerlichen Freude und des Lachens in unserem Lebensteppich nicht überdecken, aber sicherlich ergänzen und mitvollenden werden.
Renate von Ballmoos, Pfarrerin Oberbalm
